Erfolgreich in der DJ Szene Deutschland

Analyse der Probleme und Ursachen 31 Seit den Anfängen der elektronischen Musik haben sich die Wertvorstellungen geändert und es lässt sich ein Trend zur Individualisierung erkennen, welcher mit demWunsch nach Selbstver- wirklichung bzw. -entfaltung einhergeht. 208 Werte wie Disziplin, Gehorsam und Selbstbeherr- schung verlieren an Bedeutung. Leistungsdruck ist verpönt. 209 Die heutige Gesellschaft ist ge- prägt von Hedonismus, was mit der umgangssprachlichen Bezeichnung „Spaßkultur“ gleich- gesetzt werden kann. Viele Menschen verhalten sich dabei egozentrisch, d. h. ihr eigener Nut- zen steht im Vordergrund. Auch die elektronische Musikszene ist davon beeinflusst, denn es lässt sich eine ruppiger werdende Besucherkultur feststellen. 210 Dies geht einher mit dem in Kapitel 3.2 dargestellten geringen Stellenwert des Tanzens. Die heutigen Besucher von elektronischen Musikveranstaltungen sind gekennzeichnet von ei- ner Ich-Bezogenheit und dem Drang nach Selbstdarstellung. 211 Die elektronische Musikszene bietet Instrumente und Symbole zur Etablierung sozialer und individueller Identitäten. 212 Die Nacht in einem Club stellt beispielsweise – wie eine qualitative Studie mit Fokus auf weibliche Besucherinnern verdeutlicht – eine Möglichkeit dar, um ein anderes Selbstverständnis (z. B. ihrer Weiblichkeit) zutage zu bringen. 213 Dies steht im Gegensatz zu früher, als sich – wie Ka- pitel 3.1 aufzeigte – die Besucher mit dem DJ identifizierten. 214 Hieraus lässt sich die folgende Hypothese, die im empirischen Teil überprüft wird, ableiten. H 1 : Die Selbstinszenierung hat bei Besuchern von elektronischen Musikveranstaltungen eine höhere Relevanz als die Identifikation mit dem DJ und seiner Musik. Der Wandel des zentralen Motivs eines Besuchs einer elektronischen Musikveranstaltung von einem sozialen Alternativ-Event zu einer egoistischen Bedürfnisbefriedigung 215 stellt DJs vor große Herausforderungen. Der Besucher von elektronischen Musikveranstaltungen handelt heutzutage nutzenmaximierend, d. h. er bewertet seine Vorteile bzw. seine Bereicherung durch 208 Vgl. Thome (2014), S. 41; Kumar, Reinartz (2012), S. 7; Staub (2010), S. 28. 209 Vgl. Thome (2014), S. 52; Lill (2011), S. 38. 210 Vgl. Experteninterview 6 (Anhang 11); Lill (2011), S. 38; Hitzler, Niederbacher (2010), S. 153; Haem- merli (1999), S. 253. 211 Vgl. Experteninterview 6 (Anhang 11); Homburg (2015), S. 48; Rietveld (2013), S. 94; DJ T (2009), S. 41. Dies steht im Gegensatz zu den Anfängen der elektronischen Musikszene, denn dort galt „Die Clubber kommen nicht, um gesehen zu werden, sondern um in der Menge unterzutauchen.” Hoffmann (2009 a), S. 40. 212 Vgl. O'Grady (2012), S. 88; Van Straten (2012), S. 68; Müller-Bachmann (2002), S. 138. Rietveld (2013), S. 95 bezeichnet dies als „atomized individuals.“ 213 Vgl. Gregory (2009), S. 76. 214 Vgl. Montano (2011), S. 68. 215 Vgl. hierzu auch Ozog (2011), S. 4 sowie Franz et al. (1980), S. 121.

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